Theorie trifft Praxis

Vertreter des VILOMA-Konsortiums besuchen Partner in der Supply Chain
Elf Industrie-, Forschungs- und IT-Partner arbeiten seit Juli 2013 im Forschungsprojekt »Visual Logistics Management« (VILOMA) zusammen, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert wird. Bis Juni 2016 wird erforscht, wie die steigende Zahl an Informationen intuitiver zur Prozessplanung und -steuerung von Supply Chains in der Automobil-Branche aufbereitet werden kann. Die Teilziele des Forschungsprojekts sind:

  1. die Entwicklung zielgruppenspezifischer, intuitiver Visualisierungen von Logistik-Informationen,
  2. die Einrichtung eines proaktiven und kollaborativen Logistikmanagements,
  3. die Etablierung einer unternehmensübergreifenden Informationsplattform zum Austausch großer Datenmengen.

Ziele
Ziele des Forschungsprojekts »Visual Logistics Management« (VILOMA)

Nachdem die Teilziele zu Projektbeginn formuliert waren, stellte sich die Frage, wie diese praktisch in VILOMA erreicht werden können?

  • Welche Managementaufgaben werden konkret betrachtet?
  • Wie wird eine Supply Chain verständlich?
  • Wie arbeiten Automobil-Hersteller, Lieferanten und Logistik-Dienstleister, bei denen es sich um Auftraggeber, Auftragnehmer und Wettbewerber handelt, vertrauensvoll zusammen?
  • Wie lernen sich die Beteiligten mit ihren spezifischen Prozessen und unterschiedlichen Interessen kennen?

Bereits im Forschungsantrag wurden konkrete Managementaufgaben adressiert:

  • das Engpassmanagement,
  • die Liefersynchronisation und
  • das Behältermanagement.

Managementaufgaben
Adressierte Managementaufgaben in VILOMA

Anwendungsfall Engpassmanagement / Liefersynchronisation
Für die Managementaufgaben wurden Supply Chains definiert, an denen Industriepartner des Forschungsprojekts beteiligt sind. Die Anwendungsfälle „Engpassmanagement“ und „Lieferzeitsynchronisation“ betrachten die  Supply Chain der Mittelkonsole des Volkswagen Golf A7 und die darin verbauten Schaltermodule.

Schalter Mittelkonsole/Golf A7
Ausgewählte Supply Chain: Schaltermodule – Mittelkonsole – Golf A7 (7. Generation)

Daraus ergibt sich die folgende Supply Chain:

  • Leopold Kostal GmbH & Co. KG in Lüdenscheid mit ihrem Produktionswerk in der Ukraine als Lieferant der Schaltermodule für die Mittelkonsole,
  • Duvenbeck Solution & Engineering GmbH als Transportdienstleister,
  • Schnellecke Logistics AG & Co. KG mit der Business Unit der Schnellecke Logistics Wolfsburg GmbH in Wolfsburg als Systemlieferant der Mittelkonsole sowie der Schnellecke Transportlogistik GmbH als Spediteur,
  • Volkswagen AG in Wolfsburg als Produzent des Golf A7 und dessen Montage im Volkswagen Werk Wolfsburg.

Supply Chain
Anwendungsfallrelevante Supply Chain der Mittelkonsole Golf A7

Besuch der Konsortialpartner im Anwendungsfall „Engpassmanagement“ am 04./05.12.2013
Beim Kick Off-Meeting zum Start des Forschungsprojekts wurde vereinbart, dass die Konsortialpartner sich entlang der Supply Chain bewegen sollten, um die lokalen Gegebenheiten (Infrastruktur, Prozesse, Systeme) vor Ort kennenzulernen. Für den Anwendungsfall „Engpassmanagement / Liefersynchronisation“ wurde hierzu der 4. und 5. Dezember 2013 abgestimmt. An einem kalten Dezember-Morgen trafen sich schließlich 20 Vertreter der Konsortialpartner.

KOSTAL
Den Auftakt machte die Leopold Kostal GmbH & Co. KG in Lüdenscheid. Nach einer kurzen Unternehmensvorstellung startete die Gruppe aufgeteilt in zwei Teilgruppen die Prozessbegehung. Es wurden sowohl die Produktion als auch der Versandbereich betrachtet.

Da die Schaltermodule am Standort in der Ukraine produziert werden, diente der Produktionsrundgang lediglich dazu, einen ersten Einblick in die Struktur eines Produktionsbereichs bei KOSTAL zu erhalten. Die Produktionsbereiche sind stets nach den gleichen Prinzipien auf Basis des KOSTAL Produktionssystems (KPS) aufgebaut. Dem Materialfluss auf der Spur wurde außerdem der Versandbereich betrachtet. Hier kommen die Schaltermodule aus der Ukraine mit einem Regelverkehr an, werden im Fertigwarenlager gepuffert und gemäß des Abrufs der Schnellecke Logistics AG & Co. KG kommissioniert und versandbereit an das Ladetor gestellt. Der Gebietsspediteur, Duvenbeck Solution & Engineering GmbH, holt die Ware im Auftrag  von Schnellecke Logistics AG & Co. KG nach festgelegten Zeitfenstern ab.

Nach dem Rundgang wurde die Chance genutzt, mit alle anwesenden Projektleitern einige administrative Themen im Rahmen der monatlich stattfindenden Projektleitungstelefonkonferenz zu klären.

Gestärkt durch ein schmackhaftes Mittagessen ging es dann nach Bochum zu der Niederlassung der Spedition Duvenbeck.

Duvenbeck
Duvenbeck ist Gebietsspediteur für den Volkswagenkonzern und im Rahmen dessen der Logistikpartner auf der Transportrelation, die im Use Case Engpassmanagement betrachtet wird.

Der VILOMA Projektleiter von Duvenbeck, Herr Exo, begrüßte zusammen mit dem Niederlassungsleiter Herr Joswig und dem Speditionsleiter Herr Morales die Teilnehmer aus dem Konsortium. Ziel der Begehung bei Duvenbeck war es dem Teilnehmerkreis die operativen Abläufe in der Gebietsspedition allgemein und am Umschlagspunkt im speziellen vorzuführen.

Das Konsortium ging in zwei Gruppen, geführt durch jeweils einen operativen Experten von Duvenbeck, alle Prozessschritte in chronologischer Reihenfolge in den einzelnen Abteilungen Auftragsannahme, Disposition, Umschlagslager, Abfertigung bis hin zum Clearing durch und machte sich ein „Livebild“ von den Arbeitsschritten.  Den Teilnehmern wurde die Komplexität der Abwicklung deutlich gemacht sowie die Themen benannt, die im Tagesgeschäft den Standardprozess immer wieder neu beeinflussen. Des Weiteren wurde vermittelt welche Datenbedarfe es gibt, wie die Daten in der Supply Chain ausgetauscht, dem Spediteur übermittelt und wie diese dort verarbeitet werden.

Nach der der Praxisbegehung kehrten die Teilnehmer in den Konferenzraum zurück. Dort gab es die Möglichkeit das erlebte noch einmal aufzuarbeiten, Fragen zu stellen und im Konsortium zu diskutieren.

Der Eindruck am Ende des Vororttermins bei Duvenbeck war, dass die Teilnehmer einen wertvollen praxisbezogenen Input für die weitere Herangehensweise für das Forschungsprojekt mitgenommen haben.

Nach Fahrt und Übernachtung in Wolfsburg ging es dann am nächsten Morgen bei der Schnellecke Logistics AG & Co. KG mit den Besichtigungen weiter.

Schnellecke
Herr Dr. Lublow, VILOMA-Projektleiter für die Schnellecke Logistics AG & Co. KG, begrüßte die Kollegen am nächsten Morgen mit einem kurzen Vortrag über die Schnellecke Gruppe und im Speziellen über den Auftrag „Systemlieferant Mittelkonsole Golf A7“.

Die Schnellecke Logistics Wolfsburg GmbH bezieht für die Mittelkonsole des Golf A7 35 Materialien mit 195 Sachnummern von 17 Lieferanten. Die Transporte von den Lieferanten organisiert die Schnellecke Transportlogistik GmbH, die z.B. als Transporteur die Spedition Duvenbeck einsetzt.

In Halle 4 der Business Unit Wolfsburg-Sandkamp werden die Mittelkonsolen sequenzgenau vormontiert. Die fertigen Mittelkonsolen werden schließlich stündlich in Rundläufen an das Volkswagen-Werk in Wolfsburg geliefert. Für den gesamten Kommissionier-, Montage- und Transportprozess stehen der Schnellecke Logistics Wolfsburg GmbH nach dem Sequenzabruf ca. 2 Stunden zur Verfügung. Der wöchentliche Durchschnitt liegt bei rund 9.300 vormontierten Mittelkonsolen.

Nach dem Vortrag ging es dann in die Halle, wo den VILOMA-Vertretern von den operativ verantwortlichen Mitarbeitern die Lösungen vorgestellt wurden, beispielsweise leistungsfähige IT (SAP Logistik) zur Lager- und Materialwirtschaft, das Schnellecke Sequenzier-System SJS, moderne Kommissionierung mit Pick- und Put-by-light, eigenentwickelte Spezialladungsträger.

Mit vielen neuen Eindrücken verabschiedeten sich die Gäste und fuhren zur letzten Etappe ihrer Reise, dem Volkswagen Werk Wolfsburg, wo der Golf montiert wird.

Volkswagen
Dort wurden die Teilnehmer herzlich in Empfang genommen und folgten den Weg der Mittelkonsolen durch das Werksgelände zur Nordseite der entsprechenden Montage-Halle. Hier trafen sie den JIS-Disponenten, der die Anlieferung der Mittelkonsolen mitverantwortet und anschließend durch die Prozesse führte.

Die von Schnellecke beladenen Sonder-Container werden mithilfe eines SideBull bis auf Hallengeschossebene der Golf-Montagelinie angehoben, die in 8 m Höhe liegt. Der SideBull-Fahrer steigt in der Andockstation aus seiner Fahrerkabine und tauscht die vollen JIS-Sequenzwagen aus dem Container gegen leere JIS-Sequenzwagen von der gegenüberliegenden JIS-Übergabefläche (Leergut-Vollgut-Tausch). Der SideBull übernimmt alle 30 min im Wechsel die Sonder-Container für die Mittelkonsole und Formhimmel. Diese innovative Materialbereitstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt der Werkslogistik mit der Firma Schnellecke, die als Betreiber und Dienstleister fungiert.

Anschließend besichtigten die Teilnehmer die Montagelinie. Die an der Linie bereitgestellten Warenkörbe werden von den Mitarbeitern aus den JIS-Sequenzwagen entnommen und anschließend in den Fahrzeugen verbaut. Hier endet die Reise des Bauteils, welches in VILOMA betrachtet wird.

Fazit
Die Teilnehmer der Industrie-, Forschungs- und Entwicklungspartner des VILOMA-Konsortiums konnten durch die Vorträge und bei den Vor-Ort-Begehungen vielfältige Eindrücke sammeln, Erläuterungen zu den logistischen Lösungen bekommen und insbesondere ausgiebig miteinander kommunizieren, um so ein besseres Verständnis für einander zu erhalten.

Theorie traf Praxis – eine gute Basis für anforderungsgerechte Entwicklungen im VILOMA-System.